die Garage – Umnutzung – small scale

Ort:  GRAZ
Fläche: ca. 28 m2

Planungsbeginn: 10/2013
Baubeginn: 10/2014
Fertigstellung: 10/2015

Text-Ausschnitte von: Ulrich Tragatschnig, architektur. Aktuell, No. 429, 12.2015

Projektbeschreibung
die Garage – als inverser Parasit

Ambition und Werthaltigkeit –
So viel Glück fällt kaum einem, in der Nachkriegszeit errichteten Vorstadthäuschen zu, wie dem, im Grazer Bezirk Geidorf: Nachdem ihm bereits in den 1980er Jahren ein, mit der GerambRose für Gutes Bauen prämierter Um- und Zubau widerfahren ist, hängt ihm nun ein weiteres Zeichen architektonischer Ambition und Werthaltigkeit an. Für die Auszeichnung des ersten Umbaus war der sensible Umgang mit dem Bestand maßgeblich. Ohne die straßenseitige Ansicht des Gebäudes grundlegend zu verändern, konnte die Wohnfläche verdoppelt werden, was über eien kluge Nutzung des Niveauunterschiedes zum rückwärtigen, von außen uneinsichtigen Garten hin erzielt wurde. Der zweite Eingriff in die Substanz folgt nun derselben Logik. Die Kompensation des, über die Jahre weiter anwachsenden Raumbedarfs, sah das Büro slobodenka & weiss in der Adaption einer westlich an das Gebäude andockenden Garage. „Es ging nicht um das ständige Erweitern und Hinzufügen, sondern vorrangig um das Nutzen bzw. Umnutzen im Stadtgefüge bestehender Volumina“, erklärt Elisabeth Weiss, die für die Planung hauptverantwortliche, ihr Verständnis intelligenter Nachverdichtung.

Umnutzung ohne Tarnung –
Die Garage wurde in eine baulich autonome, wiewohl technisch am Mutterhaus hängende Kleinstwohnung verwandelt. Ganz anders als seine prominenten Artverwandten versucht diese „Parasit“ gar nicht erst, dass eigennützige seines Charakters in architektonische Rhetorik zu übersetzen. Straßenseitig ist er nur schwer auszumachen, seine Qualitäten spielt er inwendig und zum Garten hin aus.  und er tut das auf minimalistisch – feinsinnige Arzt, ohne seine Herkunft ganz zu verleugnen. An der Straßenfront blieb sogar das alte Garagentor bestehen. „Der Umbau firmiert auch im Sprachgebrauch der Nutzer weiterhin als ‚Garage‘“, berichtet Weiss.

Abstrahierende Monochromie –
in seiner Grundkonzeption ist der „Parasit“ ein Mini-Loft auf 28 Quadratmetern, das die sortentypisch geforderte Großzügigkeit aber nicht aus seiner Nutzfläche gewinnen kann. Man entschied sich, auf zwischen Decken und – wände zu verzichten, den Raum möglichst zur Gänze und in einem Stück zu erhalten und nach Süden zu öffnen. Dies erbrachte an der thermisch nachgerüsteten Innenseite des Satteldacs eine, bis auf die Höhe von vier Metern ansteigende, nach Süden für Oberlichten abgestufte Decke. Und darunter ein gut durchlichtetes Interieur, dessen Glasflächen, Spiegel und strahlend weiße Oberflächen den Raum optisch vergrößern, vervielfachen, aufhellen und verunklären. Fugenlos glänzt selbst der gegossene Industrieboden aus Polyurethan jungfreulich weiß, was beim erstmaligen betreten der „Garage“ irritiert. Die dominante, Materialitäten und Raumgrenzen ins Schwimmen bringende Farbe des Inneren läuft allen,  dem äußerlich ja unveränderten Garagenanbau entgegen gebrachten Erwartungen, zuwider. „Die weißen Flächen sind inspiriert von einem Wald im Neuschnee. Die Raumgrenzen treten zurück und lassen einen reduzierten und sehr grafischen Blick auf Details zu“, erläutert Weiss ihr Farbkonzept.

Kleine Tür im großen Raum –
um die Wohneinheit separat zu erschließen, konnte im schmalen Vorsprung zum Bestand gerade noch eine, nach herkömmlichen Maßstäben halbierte Tür, untergebracht werden. Dem, auf die Größe einer Zugabteiltür geschrumpften Eingang unterstellt man leicht, ein enges, verwinkelt das Kämmerchen zu öffnen. Der erste Blick beim betreten mag die, vor der Tür stehende Vermutung, noch bestätigen. Im zweiten Schritt wird der drohenden Klaustrophobie aber entgegengewirkt und es öffnet sich ein lichter, weltoffener Raum. Jenseits der Nasszellenabtrennung fließt er durch Schlaf- und Wohnbereich, bis hinaus auf einem Niveau gleich anschließen der Terrasse.

Spiegelungen und Verschachtelungen –
Gleichwohl aber kann der Raum bei Bedarf durch Vorhänge in Funktionsbereiche zoniert werden. Daraus ergibt sich eine, auf kleinstem Raum untergebrachte Ambivalenz von Längs- und Querausrichtung. Der Ursprünglichen Durchfahrbarkeitd er Garage Richtung Garten entspricht eine Nord-Süd-Ausrichtung. Sie wird durch die abgestufte Decke, ein an der Westwand installiertes , von Wandpfeilern strukturiertes Regalsystem, sowie an der Ostseite durch die, den unterschiedlichen Funktionen zugeordneten Einbaumöbel konterkariert. Und, zwischen diesen, durch das einzige, in komplementäres schwarz gekleidete Element – eine in ihren ausziehbaren Stufen weiteren Stauraum bergende, zum Bestand aufschließende Treppe. Vollends ins Schwanken gerät die, mit klaren Grenzen rechnende Raumwahrnehmung, durch die vielfältigen Spiegelungen, welche der in seinem oberen Teil rahmenlos verglaste Raumteiler zur Nasszelle, der dahinter an der Nordwand montierte Spiegel, sowie die auf Hochglanz getrimmten Boden- und Wandoberflächen mit sich bringen. Daraus ergeben sich, ineinander verschachtelte, je nach Perspektive wechselnde Innen- und Außenbezüge, die dem Raum, gemeinsam mit den vielfältig wechselnden Lichtverhältnissen, ganz unterschiedliche Stimmungen verleihen.

Mehrsinnige Vielschichtigkeit –
Perfekt ins Konzept passt eine, in das Regalsystem integrierte, Fotografie von Martin Slobodenka. Das, der Serie „Reflexionen“ entstammende Bild stellt den Blick auf ein Schwimmbecken auf den Kopf und nimmt damit mehrfach kunsthistorische Bezüge auf. Am vordergründigsten zu Axel Hüttes Fotografien von Teichoberflächen an denen sich die umliegenden Landschaften samt Staffagefiguren spiegeln. Während sich Hütte an einem romantisch verklärten Naturbild abarbeitet, erzeugt Slobodenkas Aufnahme Irritationen die sich nicht nur der, via Spiegelung erzeugten Überlagerung unterschiedliche Perspektiven und also Realitätsebenen verdanken, sondern gewinnt seine spannendsten Momente aus dem optischen für schneiden von Natur und technischem Eingriff, wie es ja auch die Ästhetik der „Garage“ bestimmt. 

Im Falle der „Garage“ ergibt sich so eine gleich mehrsinnige Vielschichtigkeit: Von alt und neu, innen und außen, längs und quer, schwarz und weiß. Das delogierte Auto könnte neidisch werden.